„Wir werden euch vermissen!“

Das Abschiedskonzert der Wise Guys in Halle

Seit mehr als einem Jahr lag das Konzertticket in meiner Schublade. Mehr als ein Jahr ist es her, als die deutsche A-Cappella-Band Wise Guys ankündigte, dass sie im Sommer 2017 aufhören werde, gemeinsam Musik zu machen. Wäre ich noch jünger gewesen, dann wäre das wohl der Zusammenbruch meiner kleinen Welt gewesen. Aber ich war erwachsen, mehr oder weniger, und ich konnte die Wise Guys verstehen.

Doch eine Band dieses Formats geht nicht einfach, ohne den Fans noch einmal „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Und das taten und tun sie noch immer auf ihrer Abschiedstournee, auf der sie die besten Lieder aus 25 Jahren Bandgeschichte zum Besten geben. Am 9. Juni war es für mich soweit, Abschied von den Live-Konzerten in dieser Konstellation zu nehmen. Ein bisschen schwer ums Herz war mir schon, als der Tag schließlich kam. Aber wie immer kam auch die absolute Vorfreude, große Hibbeligkeit und ganz viel Strahlen in meinem Gesicht. Zum ersten Mal kam mein Freund mit mir zu einem ihrer Konzerte und das machte das Erlebnis noch schöner und unvergesslicher.

Im Steintor Varieté in Halle, das bis zum Rand gefüllt war, warteten alte und junge Fans darauf, dass es losging. Wie immer bekam ich eine Gänsehaut, als Dän, Eddi, Sari, Nils und Björn die Bühne betraten. Besonders schön war, dass sie das Konzert mit einem alten Opener eröffneten. „Showtime!“ – besonders praktisch, da in diesem Song gleich alle Wise Guys einzeln vorgestellt werden 😉

Das Konzert war gezeichnet von alten und neuen Songs, vielleicht sogar alten vergessenen Songs, die, zum Teil mit neuen Stimmen ausgestattet (Nils und Björn kamen erst später zu der Band), in einem neuen Gewand im Jetzt und Hier erschienen. So zum Beispiel „Mädchen, lach‘ doch mal“, worin an eine tolle Frau appelliert wird, die hübsch ist, aber noch viel hübscher wäre, wenn sie endlich einmal ihre Zähne zeigen würde. Oder auch „Rollbrett“, im Original eigentlich von der Kölschen Band Bläck Fööss und nachgesungen von den Wise Guys im Jahr 1994. In der Zeit hat sich wirklich eine Menge getan – die Jungs singen nicht mehr auf Englisch und schreiben seit Jahren ihre eigene Musik. Aber dennoch ist es schön, diese alten Schinken einmal live zu erleben, wenn man die Lieder bisher nur von CDs kannte!

Wie immer haben es die Wise Guys geschafft, eine wundervolle Balance aus langsamen, nachdenklichen, lustigen und albernen Songs zu singen. In „Wie kann es sein“ erzählt uns Dän, wie schmerzhaft es für ihn war, als seine damalige Freundin ihn nach langjähriger Beziehung verließ. Im nächsten Moment kann das Publikum sich über den herrlichen A-Cappella-Techno-Song „Tekkno“ freuen, in dem Entchen, Fuchs und Gans aus sehr bekannten deutschen Kinderliedern vorkommen… Meine persönlichen Favoriten, „Radio“ und „Hamlet“ waren ebenso dabei. Während Radio einfach ein unglaubliches Gänsehautlied für mich ist (die Mischung aus ruhigen Strophen und euphorischem Refrain sind wie eine Droge für mich), zeigen die Wise Guys bei „Hamlet“, dass sie sich literarisch besonders gut auskennen und Shakespeares Helden in einen absolut genialen Rap verwandeln können. Das liebe ich besonders an der Musik – ich finde alle möglichen Stilrichtungen wieder. Brauche ich etwas Ruhiges? Die Wise Guys haben es. Will ich abfeiern? Genügend Material! Will ich einen genialen Rap hören? Here you go – es gibt sogar ein eigens produziertes Rap-Album, auf dem noch mehrere Dinge, literarisch oder physikalisch, in Rap-Musik erklärt werden 😉

Das ist es, was ich vermissen werde. Musik für jede Lebenslage, das Gefühl, dass die Wise Guys immer für ihre Fans da sind, unglaubliche Stimmung und eine tolle Gemeinde bei den Konzerten, lustige Moderationen, sogar die Menschenmengen beim Afterglow (zur Erklärung: Beim Afterglow singen die Jungs im Foyer meist noch einen Song ohne Mikros und verteilen sich dann, um kurz mit den Fans zu plaudern, Autogrammwünsche und Fotowünsche zu erfüllen. Wahnsinn, wie viel Zeit sie sich dafür nehmen nach einem anstrengenden Konzert).

Für mich hat sich am 9. Juni 2017 ein Kreis geschlossen, dessen Ausmaß mir erst im Nachhinein bewusst wurde: Mein erstes Wise Guys-Konzert habe ich in Halle besucht. Mein zehntes und letztes Konzert war in Halle. Zwischendurch war ich immer in anderen Städten. Meine ersten Autogramme habe ich auf meine Konzertkarte bekommen. Meine letzten ebenso. Die Wise Guys habe ich durch eine Liebe zu einem Jungen kennengelernt. Heute, zehn Jahre später, habe ich die Wise Guys mit meinem wunderbaren Freund besucht und mit der neuen Liebe den Kreis geschlossen.

Zum Schluss kann ich nur noch einmal sagen, wie dankbar ich für die Musik bin. Dass es in jeder Lebenssituation ein Lied gibt. Und dass es Lieder gibt, die trösten können. Ich bin dankbar für so viel Spaß bei Konzerten und Zwischenberichten im Internet. Und vor allem dankbar für die Menschlichkeit und Freundlichkeit, die alle Bandmitglieder über so viele Jahre dem Publikum entgegengebracht haben.

Ich werde euch vermissen!

PS: Für einige der Bandmitglieder geht es nach den Wise Guys weiter. Dän, Nils und Björn haben sich mit zwei anderen Musikern zu der Band „Alte Bekannte“ zusammengefunden und machen weiter A-Cappella-Musik. Eddi macht im Soloprogramm weiter. Und Sari wird zur „Powerfrau“ und bleibt erst einmal daheim, während seine Frau nun beruflich durchstarten kann.

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3 Gedanken zu “„Wir werden euch vermissen!“

  1. Wow, zehn Konzerte hast du besucht! Da kann ich gut verstehen, dass dir beim letzten ein bisschen schwer ums Herz wurde…wahrscheinlich ginge es mir ähnlich, hätte ich die Band schon früher entdeckt. Aber so oder so: Die Musik bleibt uns erhalten – und zwar Musik für jede Lebenslage! 🙂

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