Still in einer lauten Welt

Menschen, die introvertiert sind, mussten in ihrem Leben sicher schon das eine oder andere Mal mit anhören, sie seien zu still, zu schüchtern und zu wenig durchsetzungsfähig. Ich gehe dabei von mir selbst aus – bis vor ein paar Jahren dachte ich, dass ich einfach nur ganz schön schüchtern sei. Bis ich verstand, was Introvertiertheit und auch Extravertiertheit bedeutet. Über Menschen, die in einer lauten Welt manchmal überhört werden, aber dennoch Qualitäten besitzen, die vielleicht manchen Extrovertierten fehlen, schreibt die Amerikanerin Susan Cain in ihrem Buch „Still. Die Kraft der Introvertierten.“ (Goldmann, 6. Auflage 2013, 464 Seiten).

Susan Cain selbst bezeichnet sich als Introvertierte. In ihrem Buch bespricht sie zuerst Carl Gustav Jungs Auffassung der Introvertiertheit, was der Begriff bedeutet und sie gibt einen kurzen Fragebogen, damit die Menschen, die noch nicht wissen, in welches Lager sie gehören, sich ungefähr einordnen können.

In Teil I des Buches geht sie auf „Das Ideal der Extraversion“ ein. Dabei beschreibt sie, wie die Extraversion das gesellschaftliche Ideal geworden ist: Menschen müssen doch Parties mögen, Schüler müssen doch immer gerne am „coolen Tisch“ in der Schulkantine sitzen und Führungspersonen sind doch per se Extravertierte. Oder…?

Teil II dreht sich um „Unsere Biologie, unser Selbst“ und geht der Frage nach, ob Intro- und Extraversion angeboren sind oder sich erst im sozialen Umfeld und der Erziehung entwickeln. Dabei geht sie auf verschiedene in der Vergangenheit durchgeführte Experimente und Langzeitstudien ein, die zum Beispiel auch das Thema der Hochsensibilität aufgreifen. (Hochsensible reagieren zum Beispiel extremer und sensibler als andere auf laute Musik, Gerüche, Anblicke oder Schmerzen). Ich kannte zuvor sowohl Introvertiertheit und Hochsensibilität, aber dass Beides in Zusammenhang miteinander steht, wurde mir erst beim Lesen des Buchs bewusst. Auch andere Kulturen nimmt Susan Cain in den Blickpunkt und stellt die amerikanische Gesellschaft der asiatischen, traditionell als introvertiert angesehenen, Gesellschaft gegenüber. Cain besucht Universitäten und spricht mit jungen Menschen verschiedener Kulturkreise und fördert dabei interessante Zusammenhänge zutage: Viele Asiaten in Amerika sind in der Schulzeit oder am College zum Beispiel sehr ruhige Personen, doch sobald sie sich im Job und im Alltag beweisen müssen, legen sie sich eine gewisse Extravertiertheit an, um in der Gesellschaft „überleben“ zu können.

In Teil III geht Susan Cain auf zwei interessante Themen ein: Auf den Umgang mit introvertierten Kindern und auf das Zulegen einer „Persona“ im Job.
Ersteres ist natürlich wichtig in der Erziehung. Eltern sollten über Extra- und Introversion Bescheid wissen, um mit ihrem Kind richtig umgehen zu können. Nichts verunsichert ein introvertiertes Kind mehr als Erwachsene, die sagen, man solle sich einfach überwinden, jemanden anzusprechen oder etwas Bestimmtes tun, vor dem das Kind Angst hat.
Was die Persona betrifft, so handelt es sich dabei um eine Persönlichkeit, die man sich anlegen und antrainieren kann, um beispielsweise in einem typischerweise extravertierten Job gut durch den Tag zu kommen. Es geht dabei NICHT darum, sich zu etwas zu zwingen. Es geht dabei ausdrücklich um Tätigkeiten, die man liebt und die einen erfüllen. Wenn man in dem Job, den man liebt, viele Reden halten muss, dann sollte man sich zum Beispiel immer wieder ruhige Nischen schaffen und für Ausgeglichenheit sorgen, damit man sich nicht irgendwann ganz unwohl fühlt.
Ich persönlich halte dies für einen sehr guten Tipp. Statt sich sagen zu lassen, man sei zu still oder nicht durchsetzungsfähig genug für den Job, den man liebt, sollte man eine Strategie für sich entwickeln, die geliebte Tätigkeit durchzuführen, aber sich nicht selbst dabei zu verlieren.

Im letzten Teil des Buches geht es um Übersichten und Zusammenfassungen: Cain listet eine Reihe introvertierter Menschen und Buchcharaktere auf. Ohne die stillen Menschen gäbe es schließlich eine Reihe wichtiger Dinge auf der Welt nicht: Computer, Gedichte, Romane, Gemälde und andere Erfindungen. Sie gibt Tipps für das Halten einer Rede und für Eltern introvertierter Kinder, sowie für Pädagogen.

Ich halte das Buch für eine gute Übersicht und Annäherung an das Thema Introvertiertheit. Als europäischer Leser sollte man aber auch immer im Blick haben, dass Susan Cain Amerikanerin ist und bei vielen Studien, Tests und Interviews von der amerikanischen Bevölkerung und deren Ideal der Extravertiertheit ausgeht. In Deutschland kann das schon wieder ganz anders aussehen. Auch ist die Welt nicht in Introvertierte und Extravertierte geteilt. Abgesehen davon ist natürlich jeder Mensch anders; für den einen können ihre Tipps sehr hilfreich sein, für den nächsten sind die Tipps überflüssig. Das liegt ganz allein im Auge des Lesers. Für Extravertierte kann es vielleicht auch manchmal so aussehen, als würde Cain den Introvertierten einen ganz besonderen Welpenschutz auferlegen. Jedem dürfte aber klar sein, dass Introvertierte genauso schlechte Wesenszüge und Charaktereigenschaften haben wie Extravertierte. Keine „Gruppe“ ist besser als die andere!

Ich kann das Buch in jedem Fall allen Extra- und Introvertierten da draußen empfehlen, um mehr über sich selbst und ihre Umgebung herauszufinden!

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